Ausgehn

Irgendwann einmal war er da: Der Moment, als du zum letzen Mal vor dem Lockdown, den letzten Schluck Kaffee oder Bier im Restaurant oder in der Bar getrunken hast. Unbemerkt ist er vorüber gegangen.

Du sitzt in der «Werkstatt» und trinkst dein Bier. Vielleicht auch einen Cappuccino im «Kaffeeklatsch». Oder du wolltest unbedingt an diese Party im «Cuadro22».

Du sitzt also da, alleine oder mit Freunden und denkst dir nicht gross etwas dabei. Und da kommt sie, die Meldung: «Wir schliessen.» Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Nichts, das grosse Emotionen weckt. Kein Drama, keine Tragödie. Es ist einfach normal. So normal, dass du nicht einmal einen Gedanken daran verschwendest.

Doch, womit du nicht gerechnet hast: Es war dein letztes Bier, dein letzter Kaffee, deine letzte Party.

Ein eigentümliches Gefühl macht sich breit. «Hätte ich diesen Moment irgendwie würdigen müssen?», fragst du dich ein wenig verloren, während dir gleichzeitig bewusst ist, dass du es damals nicht hättest wissen können.

«Ist ja nicht überlebenswichtig», versuchst du dir gut zuzureden, immer dann, wenn in den kommenden Wochen der vage Wunsch auftaucht, dich unter die Leute zu mischen. Auszugehen, so wie du’s früher jeweils gemacht hast. Eifach, spontan, beinahe bedeutungslos.

Während sich ein Teil von dir bewusst wird, wie wohlstandsverwahrlost du offenbar bist, fühlt sich der andere Teil einsam. Denn war es zu Beginn noch erfrischend neu und ja zuweilen sogar inspirierend, diese Unmengen an unausgefüllter Zeit zur Verfügung zu haben, gehen dir inzwischen die Ideen aus.

Die Einsamkeit wächst und ein wenig verzweifelt gehst du raus und suchst Orte auf, die dir aus einem früheren Leben in Erinnerung geblieben sind. Sie stehen da. Abgesperrt. Leer. Verlassen. Wie Mahnmale gegen das Vergessen.

So traurig dich dieser Anblick macht, er hat auch etwas Tröstendes. Immer noch alleine, doch weniger einsam, schweifst du nun umher, durch deine Stadt und die Umgebung. Du stehst auf und lässt dich treiben von deinen Füssen, deinen Fahrradreifen und ihren zufällig gewählten Wegen. Dabei entdeckst du neue Orte und du merkst: Wir alle suchen, wir alle fallen, wir alle stehen auf, müssen raus, wenn uns die Decke auf den Kopf fällt, oder: Du bist nicht alleine.


Welchen Zweck hat ein Stuhl auf den sich niemand setzen darf? Alleingelassen, stellt sich unser Stuhl wohl genau diese Frage. Die Menschen sind gegangen und haben eine Lücke, eine grosse Leere in seinem Dasein hinterlassen. Er ist auf sich selbst zurückgeworfen. Versucht die Leere mit Orten zu füllen. Ob sich der Mut aufzustehen, aus sich raus zu gehen und nach draussen zu gehen für unseren Stuhl lohnt, erfährst du im Film – viel Spass!

(bae)

Kritik
von Julia Heiri, Edwin Parayampillil und Jana Leu

Die Idee

Erste Pläne

Mit dem Kopf voller Ideen fand sich unser Team zusammen. Fotos und Ton, Fotos und Film, oder alles zusammen? Viel war uns noch nicht klar bei unserem ersten Treffen, ausser: Unser Beitrag sollte berühren. Wir wollten Emotionen wecken. Und Menschen in ihrer Vielfalt und vor allem in ihrer Authentizität sollten die Hauptrolle spielen. Das war Plan A.

Im Laufe dieser ersten Findungsphase entstanden zahlreiche Ideen, Pläne und Vorstellungen. Viele davon wurden zugleich wieder verworfen. So waren wir bereits bei Plan D angelangt als wir uns schliesslich entschieden, das Studio in der FHGR zu nutzen um unsere Mitstudent*Innen zu filmen und fotografieren. Es sollte um ihr Lachen gehen. Ihr echtes Lachen. Um den positivsten Ausdruck jeder Person und Persönlichkeit in ihrer Einzigartigkeit und das Einfangen und Darstellen desselbigen. Unser Aussagewunsch: Jede*r ist anders, jede*r ist schön.

Corona und die neuen Ideen

Im März testeten wir das Material, fotografierten uns gegenseitig und waren guter Dinge – das Projekt nahm langsam Gestalt an. Doch dann kam Corona. Die Schule wurde geschlossen und wir hatten keinen Zugang mehr zum Studio. Die meisten unserer Komilliton*Innen verliessen Chur und zogen während des Lockdowns zurück zu ihren Eltern. Wir lieben Herausforderungen, aber Menschen, die nicht vor Ort sind in einem Studio zu fotografieren, zu dem wir keinen Zugang haben, war auch für uns etwas zu viel.

Ein wenig enttäuscht machten wir uns also wieder auf die Suche. Nächster Plan: Strasseninterviews mit Menschen an verschiedenen Orten in der Schweiz zu ihrem Umgang mit dem Lockdown. Emotionen, Aktualität und Vielfalt garantiert. Die technische Ausrüstung wäre sehr begrenzt gewesen, da damals die Technik-Ausleihe ebenfalls geschlossen war, aber aus privaten Beständen und mit einigen Abstrichen in der Qualität, hätten wir das Projekt wohl gerade so umsetzen können.

Doch wieder kam alles anders, denn ein Teammitglied hatte plötzlich starken Husten. So entschieden wir, dass es verantwortungslos wäre, uns unter die Leute zu mischen – Abstand hin oder her. Mehrere Wochen später, machten wir uns schliesslich wieder auf die Suche nach Ideen. Angelangt bei Plan Nummer H (ungefähr), entschieden wir, unser Projekt in zwei Projekte aufzuteilen:

Uns allen gefiel die Idee, die aktuelle Situation um Corona filmisch aufzuarbeiten. Das zweite Projekt und unsere Überlegungen dazu findest du hier.

Der Aussagewunsch

Ganz am Anfang stand die Idee, Menschen in einer authentischen Weise zu zeigen, die berühren soll. Daraus ergab sich unsere Antithese zur ursprünglichen Idee und die Grundlage für «Aufstehn»: Lockdown – keine Menschen weit und breit – Einsamkeit. Ein Film also, über die Abwesenheit von Menschen.

Unser Protagonist: ein Stuhl. Ein unbelebtes Objekt, aber dennoch assoziativ stark mit Menschen verknüpft: Denn wozu braucht man einen Stuhl, wenn niemand da ist um sich darauf niederzulassen? Ein Stuhl ist immer auch eine Einladung: «Setz dich!», «Mach es dir gemütlich!». Stühle trifft man ausserdem selten alleine an. Meist stehen sie in Gruppen um Tische herum, in Wartesälen, in Klassenzimmern oder eben auch Restaurants. Sie sind oft dort anzutreffen, wo das Leben spielt, wo Menschen zusammenkommen, gesellig sind. Sie sind der Inbegriff eines belebten Ortes – oder eines Ortes, der das Potenzial hat, belebt zu sein.

Unser Stuhl aber wird alleine gelassen. Die Menschen dürfen sich nicht mehr gesellig auf ihn setzen. Sie bleiben jetzt zu Hause. Der Stuhl – seines Existenzzweckes beraubt ­– macht sich also auf. Er geht aus, aus sich heraus und hinaus in die Welt, und sucht die Leute. Denn er findet sich nicht damit ab, alleine zu sein. Diese Message war uns besonders wichtig: «Tu etwas, und such dir was du brauchst, um dich nicht alleine zu fühlen!»

Mit unserem Film möchten wir auch darstellen, was viele Menschen während der letzten Monate gefühlt haben. Nicht unbedingt Corona machte ihnen zu schaffen, aber der fehlende Kontakt zu Menschen. Hinzu kam die Leere in den Kulturlokalen, die als Orte des Austauschs und der Begegnung wichtig sind für Gefühle von Zugehörigkeit.

Die Story

Zunächst sieht man einzelne Personen, wie sie vor geschlossenen Restaurants, Cafés und Kulturlokalen in Chur sitzen und ihr letztes Bier, den letzten Kaffee, das letzte Glas Wein austrinken. Alle fünf Personen stehen auf und verlassen den Stuhl, der nun alleine da steht. Auf der Suche nach Menschen, reist er mit dem Bus zu einem leergefegten Sportplatz, zum abgesperrten Churer Skatepark, besucht eine Spielwiese, den Rhein und vieles mehr. Doch auch diese Orte sind aufgrund des Lockdowns verlassen. Am Schluss steht der Stuhl alleine im Fontanapark. Da kommt plötzlich ein Mensch und setzt sich, auch er ist niedergeschlagen und alleine. Doch der traurige Mensch wird nicht alleine gelassen. Eine zweite Person gesellt sich dazu, mit einem eigenen Stuhl, und leistet dem traurigen Menschen Gesellschaft. Schliesslich gehen die beiden Menschen gemeinsam ab. Die beiden Stühle bleiben stehen. Und so ist niemand mehr alleine.

Der Dreh

Nach intensiven Diskussionen und Brainstormings, mit vielen Inputs, Kill-Your-Darling-Momenten und auch Missverständnissen, die geklärt werden mussten, ging es an die Umsetzung. Das alleine war schon eine Herausforderung, nach mehreren Monaten diskutieren, Pläne schmieden und wieder verwerfen. Wir erstellten zunächst ein Storyboard mit einer Liste verschiedener Drehorte. Um Wege und damit Zeit zu sparen, versuchten wir eine logische Abfolge zu erarbeiten.

Mit einem guten Plan für den Gesamtdreh, aber wenig konkreten Vorstellungen zu den einzelnen Szenen, drehten wir als erstes die Szene vor der Werkstatt. Mit einigen Schwierigkeiten schafften wir es einen Statisten zu organisieren. Die meisten unserer Studienfreunde waren nicht in Chur und nicht jede*r lässt sich gerne filmen für ein Projekt, welches online veröffentlich wird.

Der Ort war also klar und der Schauspieler bereit loszulegen, da stellte sich heraus, dass wir alle drei unterschiedliche Vorstellungen vom Framing hatten. Und wir entdeckten eine weitere Schwierigkeit: Wie konnten wir erreichen, dass unsere Schauspieler*Innen alle in die gleiche Richtung und im richtigen Winkel zur Kamera das Bild verlassen? Die Lösung war ein Schnurknäuel. Mit dem ersten Schnurstück massen wir die Distanz zwischen Stuhl und Kamera. Mit einem zweiten Schnurstück legten wir einen rechten Winkel vom Stuhl bis zu derjenigen Stelle, an welcher die Statisten das Bild verlassen sollten. So schafften wir es, dass sie trotz individueller Schrittlänge und verschiedener Drehorte ein und den selben Weg zurücklegten. Glücklicherweise hatte unser erster Statist genügend Zeit zur Verfügung und gönnte sich geduldig ein Eis, während wir die Szene noch einmal besprechen mussten.

Eine weitere Herausforderung war für uns der Transport des Materials. Gefühlte 1000 Mal waren wir froh, nicht einen Sofasessel als Protagonisten gewählt zu haben. Es kann sehr anstrengend sein einen Stuhl, alle Requisiten und die Filmausrüstung durch die Gegend zu tragen. Mit Fahrrädern und Rucksäcken schafften wir aber auch diese Herausforderung und streiften so während mehrerer Tage durch Chur, um unseren Stuhl an den verschiedensten Orten zu filmen.

Match-Cuts

Wir entschieden uns, den Kurzfilm mit Match-Cuts zu produzieren. Dadurch befindet sich der Stuhl während mehrer Shots an der gleichen Stelle im Bild, wodurch die Bilder im Schnitt übereinander gelegt werden können. Die Umgebung verändert sich also, aber der Stuhl bleibt gleich positioniert. Eine andere Möglichkeit einen Stuhl reisen zu lassen, wäre ein Stop-Motion-Film gewesen. Aus praktischen Gründen (Zeitdruck) entschieden wir uns aber dagegen. Das Stillstehen des Stuhls in der gleichen Position, drückt ausserdem seine Verlassenheit aus. Es zeigt, wie er zwar den Ort und die Umgebung wechselt, innerlich aber distanziert bleibt, weil er sich einsam fühlt.

Eine Herausforderung war das Ausrichten des Stuhls an den unterschiedlichen Drehorten. Mit Hilfe von Fotos, die wir an vorherigen Drehorten vom Kameradisplay gemacht hatten und mit Hilfe der oben beschriebenen Schnurtechnik, erreichten wir eine Genauigkeit, die uns anfangs selbst überraschte. Trotzdem: Nicht jeder Boden ist gleich beschaffen. Rasen ist anders als Teer und das steinige Rheinufer anders als eine Strasse mit einer leichten Neigung.

Die Postproduktion

Edwin widmete sich dem Schnitt. Dabei bemerkte er, dass wir während des Drehs für die Match-Cuts genauer auf die Bewegungen der Schauspieler*Innen hätten achten sollen. So hätte man diese im Schnitt noch besser aufeinander abstimmen können. Wenn man aber bedenkt, dass unsere Schauspieler*Innen alles Laien sind, stellt sich die Frage, ob dies überhaupt möglich gewesen wäre. Im Endresultat ist dieses Problem glücklicherweise kaum noch zu erkennen.

Beim Importieren der Rohdateien wurden wir vor ein weiteres Problem gestellt. Jana arbeitet mit einem HP Computer, der mit Microsoft aufgesetzt ist, Julia und Edwin aber mit einen Mac. Aus irgendeinem Grund war es nicht möglich, die Dateien vom Mac auf den HP zu übertragen. Das nächste Mal wird deshalb jede Person die Daten separat von der SD-Karte direkt auf den persönlichen Computer importieren. Nachdem wir mehrere mögliche Lösungen (Externe Festplatten, USB-Stick etc.) erfolglos ausprobiert hatten, lösten wir das Problem so, dass wir die Dateien nochmals zurück auf die SD-Karte verschoben und Jana diese dann von dort auf ihren Laptop importierte. Der Prozess dauerte leider mehrere Stunden.

Die Musik zum Film konnten wir dank Edwin aus der Bibliothek von Epidemic Sound herunterladen. Die erste Wahl fiel zunächst auf einen heiteren Song. Nach dem Rohschnitt testeten wir auch eine zweite Version mit einer seriöseren und intensiveren Melodie, welche die Ernsthaftigkeit des Themas unterstreichen sollte. Am Ende entschieden wir uns aber wieder für die heitere Musik, da diese einen guten Kontrast zur ansonsten eher schweren Thematik zu setzen vermag.

Unsere Learnings

An der Ideenfindung waren wir alle drei gleichermassen beteiligt und konnten so gute Kompromisse und Ergänzungen zur jeweiligen Grundidee ausarbeiten. Während des Drehs stellte sich aber heraus, dass wir alle unterschiedliche Vorstellungen von Framing und Look des Films hatten. Wir lernten, dass es hilfreich und effizienter gewesen wäre, die Rollen beim Dreh klarer aufzuteilen. Was bei der Ideenfindung funktionierte, war bei der praktischen Umsetzung der Idee zuweilen ein Hindernis, denn zu viele Köche können auch hier den Brei verderben bzw. den Kochprozess extrem umständlich machen.

An den Drehtagen mussten wir mehrmals quer durch Chur laufen. Das war mit der schweren Kamera, die wir dabei hatten, eher mühsam. Wir waren froh um unsere Fahrräder, die uns den Transport des Stuhls, der Requisiten und der technischen Ausrüstung erleichterten. Trotzdem wäre es beim nächsten Mal wohl sinnvoll, im Vorfeld eine noch genauere Shotliste zu erstellen, um lange Distanzen effizienter aufeinander abzustimmen.

Das Filmen der einzelnen Szenen war zu Beginn des Drehs meistens relativ umständlich und erfordete viel Ausprobieren und Abwägen. Beispielsweise machten uns die Szenen an den Bushaltestellen am Anfang ziemliche Mühe. Bevor der Bus ankam musste alles bereit sein, der Stuhl am richtigen Ort stehen und jemand sicherstellen, dass der Bus auch anhält (beim ersten Mal fuhr er vorbei!). War dies nicht der Fall, oder ging während dem Shot etwas schief, mussten wir jeweils ziemlich lange warten, bis wieder ein Bus kam. Grund dafür waren die ausgedünnten Fahrpläne während des Lockdowns. Hier bemerkten wir aber, wie wir mit jeder Szene routinierter wurden und es uns bei den letzten Shots kaum mehr Aufwand kostete, die Busse zum richtigen Zeitpunkt "einzufangen".

Ein nächstes Mal würden wir uns früher darum kümmern, dass uns genüngend Schauspieler*Innen zur Verfügung stehen. Wir hatten ein wenig Probleme damit, genügend Leute zu finden. Die Lösung war, dass wir selber im Film mitspielten und auch Passanten und Freunde anfragten.

Unser Fazit

Wir sind sehr zufrieden mit dem Resultat. Wegen Corona kam zwar alles anders als ursprünglich geplant, doch hat sich die Suche nach Alternativen gelohnt. In diesem Prozess sind uns zahlreiche weitere Ideen begegnet, auf welche wir in den kommenden Semestern nun zurückgreifen können.

Unser Equipment

1x Blackmagic Pocket Cinema Camera 6K mit Sigma 18 – 35 mm 1. 8f
1x Manfrotto Stativ
1x Schwarzer Stuhl
1x Sony A7III mit 24 – 70 mm 2.8f

Ausserdem:

  • Unsere Handys, um die Position des Stuhls zu fotografieren.
  • Schnurknäuel und Klebeband, um die Positionen des Stuhls zu markieren.
  • Diverse Requisiten: Tassen, Gläser, Getränke, Teller, Gitarre etc.

Vielen Dank an alle Schauspieler*Innen, die bereit waren, so spontan bei unserem Filmprojekt mitzumachen!

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